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Betreff:
Articles of Olaf
Arndt /Süddeutsche Newspaper from the 18.06.07 |
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Von: Karlheinz Croissant |
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Datum: Wed, 27 Jun 2007 21:46:26 +0200 |
68782
Brühl den 27.06.07
Info
Karlheinz Croissant
Info & Bitte /
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Articles of Olaf Arndt /Süddeutsche Newspaper from the
18.06.07
Artikel:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/95/118953/
Mit
freundlichen Gruß
Karlheinz Croissant
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18.06.2007
08:57 Uhr
Hirnforschung
Der Krieg um die Köpfe
Autokonzerne und Experten für innere Sicherheit
interessieren sich immer stärker für die Neurowissenschaften. Führt die
Eroberung des Gehirns so weit, dass der Mensch bald von außen gelenkt werden
kann?
Von
Olaf Arndt
Implantat zur Messung der Hirnströme (Modell): Idee der
technizistischen Menschenführung
Bei den deutschen Automobilkonzernen wächst das Interesse
am Gehirn. Die “Erweiterung“ oder Kontrolle der menschlichen Sinne sind ebenso
Themen wie “Drogeneinsätze im Krieg“.
Die Konzeption und das Design neuer Wagentypen sollen von
solchen Erfahrungen zunehmend bestimmt werden. In fünf bis acht Jahren können
“Roboter“ in Form von Platinen, Software, Sensoren und Kameras den humanoiden
Fahrer weitgehend ablösen, hört man aus den Forschungsabteilungen.
Ein Wissenschaftler in führender Funktion bei einem
deutschen Marktführer in der Autobranche hatte kürzlich einen Werbetext seiner
Marketingabteilung im Kernspin-Tomografen überprüfen lassen. Dazu mussten sich
Probanden einer Fahrsimulation aussetzen.
Man wertete aus, in welchen Hirnzonen auffällig starke
Aktivitäten zu verzeichnen sind, wenn sich das virtuelle Fahrzeug in
schwierigen Situationen bewährt. So hat man den Sitz der Begeisterung ermittelt
und eine Basis für die Hauptthese der Kampagne geortet.
Nun fragen sich die Experten: Kann Lenkung ohne Lenkrad,
Schalthebel und Gaspedal, allein mit der Absicht zu steuern, funktionieren?
Vielleicht unterstützt von einer Gedankenlesemaschine? Können wir nur mit dem
Willen Maschinen lenken, die unsere Vorhaben voraussehen? Und welche Folgen
sind zu erwarten, wenn dank eines Forschungsprojekts des Max-Planck-Instituts
die “Gedanken nicht mehr frei“ (Vanity Fair) sind?
Kleine elektrische Ströme in den Helmen von
Militärpiloten
Was
passiert, wenn nicht das Max-Planck-Institut mit seiner
Magnetresonanz-Leseapparatur den Kopf des Fahrers analysiert, sondern sich ein
Terrorist in die Gedanken einklinkt?
Solche Szenarien ventiliert das aktuelle Buch von Jonathan
Moreno “Mind Wars, Brain Research and National Defense“. “Dual use“-Helme, die
bei Air-Force-Piloten und lernschwachen Kindern dem Verlust von Aufmerksamkeit
mit kleinen elektrischen Strömen gegensteuern, stellen hierbei die neue
symbolische Kerntechnologie dar.
Unter dem Titel “Hirnkriege. Neurowissenschaften und
Nationale Verteidigung“ untersucht der im Staatsauftrag tätige Bioethiker
Fakten und Gründe für die wachsende Bedeutung der Hirnforschung für die Innere
Sicherheit. Unter der Überschrift “Wir bauen einen besseren Soldaten“ listet
Moreno viele Strategien auf, die auch die Autohersteller bewegen.
Wie erhalte ich die Konzentration und verbessere
Reaktionszeiten? Wie verhindere ich Schlaf? Wie komme ich “abweichendem
Verhalten“ zuvor? Dass der “Krieg eines jeden gegen jeden“ im Alltag auf der
Straße stattfindet, wenn die “allgemeine Macht“ kein Mittel findet, alle im
Zaum zu halten, schrieb Thomas Hobbes bereits 1651 im “Leviathan“.
Kooperation zwischen Geheimdiensten und Wissenschaften
"unverzichtbar"?
Das
wissen heute alle Pendler und Langstreckenfahrer auf den Autobahnen. Künftig
werden nun intelligentere Maschinen als wir und Autopilot-Systeme mit Strahlen,
Strom und Chemie den Sitz der Fehlerquellen, nämlich unser Gehirn, ins Visier
nehmen, es messen, kontrollieren und nötigenfalls die Regie übernehmen.
Moreno kommt in seinem Buch zu einem eigenartigen Ergebnis.
Wissenschaft sei ein Beispiel für die “offene Gesellschaft“, in der Geheimnisse
minimiert sind, schreibt er. Kooperation zwischen freien Wissenschaftlern und
Geheimdienstlern halte er daher für unverzichtbar, auch im Sinn einer
“gesunderen Gesellschaft“.
Das meint er durchaus wörtlich. Die Staatspolizei erhält
so nicht nur allgemeine “gesellschaftssanitäre“ Aufgaben, sondern greift
konkret in die geistige Gesundheit der Bürger ein. Der Leser mag sich wundern
über solch einen Schluss, argwöhnt der Autor selbst.
Aber er halte eine Mitarbeit an solchen Entwicklungen für
besser, als sie jenseits ziviler Kontrolle allein dem Militär und den ihm nahe
stehenden Forschungseinrichtungen zu überlassen, die alle der Schweigepflicht
unterliegen.
Dass Morenos Glaube an die Heilkraft einer Kooperation
ziviler Kräfte mit dem Militär wenig zielführend ist, zeigt allerdings die
Forschung in Konzernhand. Die Verschränkung staatlicher Schutzinteressen mit
der Profitorientierung der Firmen führt jede Phantasie, dass die
Zivilgesellschaft an diesem Prozess teilhaben könne, ad absurdum. Der Marktwert
der Erfindungen bestimmt den Zugang zum Wissen. Die Transparenz hat ihre Grenze
im Betriebsgeheimnis.
Millionen Weberschiffchen
Eine
Verbindung von Innerer Sicherheit und Neurowissenschaft lag seit 1990 nahe, als
Präsident Bush die “Dekade des Gehirns“ ausrief. Er verglich die “Eroberung des
Gehirns“ mit Columbus’ Landung in Amerika und sicherte sich für die neue
Conquista eine Anzahl herausragender Wissenschaftler.
Eingeläutet wurde die Kolonisierung des Gehirns mit einer
furiosen Ausstellung, die den programmatischen Titel “Der verzauberte Webstuhl“
trug. Der Nobelpreisträger Sir Charles Sherrington hatte diese metaphorische
Umschreibung des Gehirns 1937 geprägt. “Millionen aufblitzender Weberschiffchen
erzeugen ein unauflösbares Muster, immer voller Bedeutung, aber niemals an
feste Regeln gebunden.“
Heute, zu Beginn des “Jahrhunderts des Geistes“ (century
of the mind), rückt ins Bewusstsein, dass die Muster des Webstuhls einem
Programm entspringen könnten, das zunehmend von der “mind control“ bestimmt
ist, einer immer machbarer scheinenden technizistischen Menschenführung.
Es ist also nicht sehr überraschend, dass es auch bei
einem weiteren Termin in der Autobranche um Innere Sicherheit ging. Der Chef
der Abteilung erzählte im Plauderton, man habe kürzlich auf Anfrage der
Bundesregierung einen Workshop mit Soziologen, Bionikern, Hirnforschern,
Steuerungstechnikern und anderen Experten abgehalten.
Wie viel "mind control" ist machbar - und
gewollt?
Am
Beispiel von Berlin habe man die augenblickliche “soziale Segregation
extrapoliert“. Das sollte so viel heißen wie: Was passiert eigentlich, wenn
sich Probleme mit Migranten und schlecht integrierten Deutschen ausländischer
Herkunft wie kürzlich in Kreuzberg und Neukölln verschärfen?
Die Gruppe von Wissenschaftlern entschied sich “klassisch“
für das Einzäunen - zum Schutz der “höherwertigen Lebensräume“ und um zu
verhindern, dass marodierende Horden aus den weniger wertvollen Quartieren die
ungeschützten urbanen Zwischenlagen plündern.
Dass eine Kasernierung der “Unzufriedenen“ soziale
Spannungen eher verstärkt, fiel unmittelbar auf. Der Vorschlag der
Arbeitsgruppe: die bestehende Infrastruktur nutzen und die unruhigen Bezirke
über Drogen im Trinkwasser ruhig stellen.
Nun ist Verhaltenskontrolle so alt wie die Organisation
menschlicher Gemeinschaft. Das gilt ebenso für alle Arten von Psychotechnik,
für Medikamente, Apparate, chirurgische Eingriffe und sogar für die derzeit
sehr populären “nicht-invasiven Techniken“, denen Moreno ein ganzes Kapitel
widmet und mit deren Hilfe von außen, ohne operativen Eingriff, Einfluss auf
die Hirntätigkeit genommen werden kann.
Soziale
Probleme sind niemals psychotechnisch zu lösen
Entsprechungen
für die aktuellen Innovationen datieren in der Medizingeschichte zumindest bis
in vorchristliche Zeit zurück. Was ist also daran so neu? Was scheint
gefährlich?
1979 hat der Psychologe und Hirnforscher Stephan L.
Chorover in seinem Meisterwerk “Die Zurichtung des Menschen“ betont, dass
soziale Probleme niemals psychotechnisch zu lösen seien. Noch 1851, so
Chorover, gingen Experten davon aus, dass man eine angeborene “Geisteskrankheit
der Negerrasse“, die zu aufsässigem Verhalten führe, durch “tägliche Prügel“
vollständig heilen könne.
Dies wurde geglaubt und praktiziert, da es sich als
wissenschaftlich untermauert auswies. Es findet seine heutige Entsprechung in
der Psychiatrisierung von Dissidenten oder im pharmakologischen Ruhigstellen
hyperaktiver Kinder.
Chorover empfiehlt zu Recht, genau danach zu
schauen, wer die Manipulationen vornimmt, denn “die Definition sozialer
Probleme spiegelt die Interessen und Ziele politisch mächtiger Einzelpersonen
oder Institutionen wider“. In diesem Sinn sollte es nachdenklich stimmen, wenn
Ansätze dazu erkennbar werden, dass eine Regierung einer Autofirma und ihrer
angewandten Forschung Teile ihrer Fürsorgeverpflichtung abtritt.
Das gleiche gilt für die täglich wechselnden
sicherheitspolitischen Rezepte, denen zunehmend fundamentale Rechte geopfert
werden - am Ende noch die Verfügung über den eigenen “verzauberten Webstuhl“.
(SZ vom 18.6.2007)
Der Verfasser ist Autor von “Demonen. Zur Mythologie
der Inneren Sicherheit“ (Hamburg 2005) und arbeitet mit dem Wiener Philosophen
Wolfgang Pircher an einem Buch über den Einsatz der Wissenschaften im Kampf
gegen den Terror.
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Mit
freundlichem Gruß
karlheinz croissant
bravenet.com